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Busse zwischen Ost und West

Busfahrer in der ehemaligen DDR
Wolfgang Jähnichen bei seiner ersten Fahrt durch das im
Dezember 1989 geöffnete Brandenburger Tor. Foto: privat

Im Zuge der Maueröffnung und deutschen Einheit musste ganz plötzlich zusammengeführt werden, was vorher getrennt war. An manche Dinge denkt man vielleicht im ersten Augenblick gar nicht. Wie sah es beispielsweise mit öffentlichen Bussen aus, die Ost und West verbinden sollten? Wolfgang Jähnichen war damals für die Angleichung der beiden Berliner Verkehrsbetriebe zuständig und berichtet:

„Am 9. November 1989 erhielt ich gegen 21 Uhr einen Anruf der Senatskanzlei, sofort zum Regierenden Bürgermeister zu kommen. Dort informierte er mich, möglichst ab 10. November über alle bestehenden Straßen-Grenzübergänge einen Busverkehr zwischen Berlin (West) und dem damaligen Bezirk Potsdam einzurichten. Alles Weitere sei meiner Improvisationskunst überlassen. Allerdings solle der normale Busverkehr innerhalb von Berlin (West) dadurch nicht beeinträchtigt werden. Der innerstädtische Verkehr zwischen den beiden Teilen Berlins sollte über U- und S-Bahn sowie zu Fuß abgewickelt werden.
Da ich ein dienstliches Dauervisum hatte, fuhr ich noch in der Nacht alle sechs bestehenden Grenzübergänge an und erkundete Fahrmöglichkeiten für Busse im daran anschließenden DDR-Gebiet. Da der zusätzliche Verkehr weder mit dem zur Verfügung stehenden Personal noch den vorhandenen Bussen zu schaffen war, rief ich noch in der Nacht westdeutsche Verkehrsbetriebe und West-Berliner Busunternehmen an, die 1961 nach dem Bau der Mauer der BVG kollegiale Hilfe geleistet hatten, und bat um Unterstützung. Innerhalb von zwei Tagen standen außer den 1500 BVG-Bussen zusätzliche 225 Busse samt Fahrer zur Verfügung.
Am nächsten Morgen rief ich den mir bis dahin unbekannten Direktor des VEB Verkehrskombinates Potsdam an und schlug vor, dass auch sie sich an der Bewältigung der zu erwartenden Menschenmenge beteiligen sollten. Dieses geschah auch. Am 10. November gegen Mittag erwartete ich am Grenzübergang Drewitz die ersten „Schlenkis“ (Potsdamer Ikarus-Gelenkbusse), vor denen ich mit meinem Dienstwagen zum Bahnhof Wannsee als Wegweiser vorausfuhr. Mein Potsdamer Kollege tat das Gleiche mit unseren „Großen Gelben“, die er so zum Potsdamer Bassinplatz lotste.
Da in kürzester Zeit weitere Grenzübergänge geöffnet wurden, war ich spätestens eine Stunde danach vor Ort und erkundete mögliche Fahrtrouten hinter der Grenze. Das Fahrgeldproblem mit den zwei Währungen löste ich in den ersten Tagen ganz unkonventionell: DDR-Bürger fuhren als unsere Gäste unentgeltlich.“

Weitere Informationen zu Herrn Jähnichen findet ihr hier: Zeitzeugenbüro: Wolfgang Jähnichen