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Keine Geschichten durch die West-Brille

Anette Schober-Knitz in der Gothaer Redaktion um 1990/1991. Foto: Uwe Kumpf

Nach dem Mauerfall und der deutschen Einheit zog es viele Westdeutsche in den Osten. So auch Anette Schober-Knitz, die zusammen mit anderen in Gotha versuchte, eine Redaktion aufzubauen. Heute lebt sie in Ravensburg und arbeitet als Pressesprecherin. Sie berichtet über ihre Zeit in Gotha:

„Schon als Schülerin wollte ich Journalistin werden und Geschichten über Menschen und deren Leben erzählen. Mein Weg dorthin führte mich nach Nordhessen und in ein Volontariat. Kassel, dort verlegte ich damals meinen Wohnort hin, lag im Zonenrandgebiet – ein Begriff, den ich erstaunt in meinen Wortschatz aufnahm. Die Grenze zur DDR war nah – das Land dahinter mir völlig fremd. Ich beendete das Volontariat, die Grenze fiel und mir eröffnete sich eine einmalige Chance. Ich ging als Redakteurin nach Gotha; der Zeitungsverlag, bei dem ich volontiert hatte, wollte dort den ostdeutschen Markt erobern. An diesem Abenteuer wollte ich teilhaben. Der Schritt über die Grenze war größer als ich vermutet hatte: Journalistische Recherchen waren aufwändig (zum Beispiel, weil es kaum Telefonanschlüsse gab), die meisten Gothaer gebrauchten Wörter, die mir unverständlich waren, ich benötigte Übersetzer für Plaste, Broiler und Bückware. Noch schwieriger war es, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Anfangs traten sie uns Wessis mit großer Neugierde entgegen, schnell wich diese Offenheit einer abweisenden Verschlossenheit. Wie konnte ich mit den Bürgerinnen und Bürgern in Kontakt kommen? Der Schlüssel war denkbar einfach: Die West-Brille abnehmen und sich einlassen auf das Leben der anderen! Ich selbst musste dafür in den Hintergrund treten. So gingen Plaste, Broiler und Bückware plötzlich wie selbstverständlich über meine Lippen, ich fuhr gekonnt mit der „Renn-Pappe“ (einem Trabi), Freundschaften fürs Leben entstanden – und einzigartige journalistische Stücke. Der Zeitungsverlag überlebte nicht; zu groß blieb die Distanz zu der Institution aus dem Westen.“