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Schnell erwachsen geworden

Schnell erwachsen geworden
Schnell erwachsen geworden Bildnachweis: KLEMM´S, Berlin

Sven Johne wurde 1976 in Bergen auf Rügen geboren. Als Jugendlicher nahm er die Umbrüche vor allem in der Schule und in seinem Wohngebiet wahr. Aufgrund der Überforderung der Eltern sei seine Generation schnell erwachsen geworden.

„Und plötzlich war die Klasse halbleer. Im November und Dezember 1989 sind alle in den Westen gefahren, die 100 D-Mark abholen, shoppen, nur das Markenzeug aus der Werbung. Die Lehrerinnen und Lehrern: neuerdings kleinlaut, es gab keinen regulären Unterricht mehr, Schwänzen wurde wochenlang geduldet. Nur die strenge Staatsbürgerkundelehrerin versuchte tapfer weiterzumachen, aber niemand hat ihr mehr zugehört. Wir saßen in der Klasse und provozierten sie mit Coca-Cola. Der Vogel abgeschossen hat aber Danny, ein dümmlicher Schlägertyp. Der kam eines Tages mit kahlrasiertem Kopf in die Schule. Auch Pilz, einst überzeugter FDJler, hatte mittlerweile sein blaues Hemd gegen ein braunes eingetauscht.
Im Frühjahr 1990 gab es in unserem Kaff schon verdammt viele Glatzen, Nazis. Ich war damals in einer linken Jugendgruppe. Das war kein Spaß. Wir mieden nun bestimmte Orte. Der Jugendklub im Wohngebiet war jetzt fest in Hand der Glatzen. Ein, zwei Mal bekam auch ich was auf´s Maul. Mein Freund Stefan musste gar ins Krankenhaus. Die frühen 1990er waren keine friedlichen Jahre. Die Polizei war komplett überfordert. Nazis? Bei uns doch nicht! Das sind doch nur normale Raufereien unter Halbstarken, hieß es. Und die Eltern? Auch komplett überfordert. Die mussten schauen, wie sie zurechtkamen in der neuen Zeit. Meine Eltern hatten damals große Angst, ihre Arbeit zu verlieren. Wir waren also auf uns selbst gestellt. Und wurden schnell erwachsen…“

Sven Johne verarbeitet seine Erfahrungen mit der DDR und der Nachwendezeit in seiner Kunst: www.svenjohne.de